Was, wenn geschützte Arbeitsplätze nicht das Ziel sind?

Blog

Die sozialen Einrichtungen der Schweiz haben über Jahrzehnte viel wertvolles geleistet. Sie haben eine gesellschaftliche Aufgabe übernommen, die sonst niemand verantworten wollte: Menschen mit Behinderungen einen Platz in der Arbeit, im Alltag und im Leben geben. Das verdient echten Respekt. Zwischenzeitlich hat sich vieles weiterentwickelt. Genau deshalb lohnt es sich, gemeinsam einen Schritt zurückzutreten und zu fragen: Sind wir mit unserem Gesamtsystem noch auf dem richtigen Weg, um echte Inklusion zu erreichen? Und was braucht es, um diesen Weg erfolgreich zu vollenden?

Gut gemeint, aber strukturell begrenzt

Die sozialen Einrichtungen haben sich über Jahrzehnte weiterentwickelt. Zum ursprünglichen Auftrag der Betreuung und Beschäftigung kamen vielfältige, von den Klient:innen hergestellte Produkte und Dienstleistungen hinzu. Diese werden zu marktüblichen Preisen angeboten. So konnte und kann sichergestellt werden, dass die Kernaufgaben kostendeckend finanziert sind und der Betreib die bestmögliche Unterstützung und Betreuung von Menschen mit Behinderungen erbringen kann.

Echte Transformation wird strukturell erschwert

Viele Einrichtungen gehen nun einen Schritt weiter und erweitern ihre Dienstleistungsangebote, indem Personal an Unternehmen vermittelt wird – der so genannte «Personalverleih». Als wichtiger Schritt hin zu mehr Inklusion kann es in verschiedenen Fällen für alle Beteiligten sehr viel Sinn machen, dass Klient:innen über eine definierte Zeit nach wie vor von den Einrichtungen angestellt sind, aber trotzdem jeden Tag in einem Unternehmen vor Ort mitarbeiten. Ein sinnvolles Sprungbrett für den Schritt hin zu echter Inklusion und einer finalen Einstellung im Unternehmen selbst. Letzteres muss wo immer möglich das Ziel sein.

Der Personalverleih unterstützt jedoch, wenn nicht als Sprungbrett gedacht, die Fossilisierung eines Modells, das so keine Zukunft haben dürfte. Das ist kein Vorwurf an die Einrichtungen. Es ist eine strukturelle Frage, die das gesamte System betrifft.

Das System steht sich im Weg

Zehntausende Menschen mit Behinderungen arbeiten in der Schweiz in geschützten Werkstätten und Integrationsbetrieben. Also im so genannten «zweiten Arbeitsmarkt», in dem sie meist unter sich sind und wenig Kontakte zu Menschen ohne Behinderungen haben. Das läuft der Vorstellung einer inklusiven Gesellschaft, wie sie von der UN-BRK gefordert wird, zuwider.

Hinzu kommt ein strukturelles Dilemma, das offen benannt werden muss: Wenn eine Einrichtung eine Person erfolgreich in den ersten Arbeitsmarkt begleitet, verliert sie damit einen belegten Platz und die damit verbundene Finanzierung. Und sie verliert weiter eine wertvolle Arbeitskraft. Fördert eine soziale Einrichtung also echte Inklusion in den Arbeitsmarkt, wirkt sich das im heutigen System finanziell und strukturell nachteilig aus. Das ist kein Versagen von Institutionen. Das ist ein Systemfehler, der gezielt behoben werden muss.

Entscheidende Fragen können sein: Wie gestalten wir gemeinsam Rahmenbedingungen, die soziale Einrichtungen darin unterstützen, wenn ihre Mitarbeitenden den Schritt in den ersten Arbeitsmarkt schaffen? Gibt es neue Business-Modelle, die einerseits die Inklusion nachhaltig fördern, andererseits die wegfallenden Einnahmen aus Produktions- und Dienstleistungsaufträgen und dem Personalverleih erfolgreich kompensieren? Wie können wir ganz allgemein die Transformation von sozialen Einrichtungen unterstützen, so dass sie ihren Leistungsauftrag bestens erfüllen und trotzdem finanziell gut wirtschaften können?

Wohin die Reise gehen kann

Einige soziale Einrichtungen in der Deutschschweiz haben diesen Wandel bereits eingeleitet. Sie sehen sich zunehmend in der Verantwortung, möglichst viele Klient:innen nicht dauerhaft bei sich zu halten, sondern aktiv auf den Übergang in reguläre Anstellungen vorzubereiten. Sie bauen Partnerschaften mit Unternehmen auf, entwickeln neue Dienstleistungsformate und denken ihr Angebotsportfolio konsequent auf Inklusion hin.

Dieser Wandel ist mutig. Er erfordert, das eigene Modell zu hinterfragen und neue Wege zu gehen. Oft ohne fertige Antworten und ohne gesicherte Finanzierung.

Es muss bei allen Anstrengungen aber auch anerkannt werden, dass es nicht gelingen wird, für jede Person, die theoretisch wieder einer regulären Arbeit nachgehen könnte, eine Stelle zu finden. Das kann zum Beispiel mit dem Alter der Klient:innen zu tun haben, junge haben bessere Chancen als ältere, aber auch mit der Selbstbestimmung. Es wird immer auch Menschen geben, die aus den verschiedensten Gründen den Arbeitsplatz in einer geschützten Werkstatt bevorzugen. Hier sind neue Modelle gefragt.

Ein Think Tank als Startpunkt

Anfangs Mai 2026 haben wir gemeinsam mit progressiven sozialen Einrichtungen, Hochschulen und Stakeholdern aus der Deutschschweiz einen ersten Think Tank durchgeführt. Ziel war es, den Prozess für mögliche Veränderungen gemeinsam anzustossen. Offen, ohne vorgefertigte Lösungen, auf Augenhöhe.

Der Anlass stiess auf grosses Interesse. Die Diskussionen waren konstruktiv und zeigten vor allem eines: Der Wille zur Weiterentwicklung ist in der Branche vorhanden. Was es jetzt braucht, sind gemeinsame Räume, um diesen Willen in konkrete Schritte zu übersetzen.

Denn soziale Einrichtungen sind kein Hindernis auf dem Weg zur Inklusion, sie sind ein zentraler Teil der Lösung. Ohne ihr Know-how, ihre Netzwerke und ihre Nähe zu den Menschen wird echte Inklusion nicht gelingen.

Das Versprechen der UN-BRK ist die gemeinsame Aufgabe. Von Einrichtungen, von Unternehmen, von Behörden, von der Politik. Und von uns allen.

Wenn du Teil dieses Prozesses sein möchtest: Wir freuen uns auf den Austausch.


Text: Benno Stäheli / Bild: Conclood

Mit Conclood schaffen wir gemeinsam Chancen für alle. Unsere digitale Plattform und Expertise ermöglichen es, Menschen mit Unterstützungsbedarf auf innovative und nachhaltige Weise in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Copyright © 2026

Mit Conclood schaffen wir gemeinsam Chancen für alle. Unsere digitale Plattform und Expertise ermöglichen es, Menschen mit Unterstützungsbedarf auf innovative und nachhaltige Weise in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Copyright © 2026